10. Beispiel eines Transferprojektes: die ComputerSpielSchule Greifswald

Autorinnen: Judith Hoffmeier, Anja Schweiger

Die Idee

Der Transfer des Modellprojekts ComputerSpielSchule Leipzig war von Anfang an ein wichtiges Anliegen der InitiatorInnen. Dafür stellten die MitarbeiterInnen der ComputerSpielSchule Leipzig ihre Erfahrungen und Kompetenzen zur Verfügung.

Die Gründung einer ComputerSpielSchule in Greifwald geht zurück auf einen engen Kontakt zwischen Prof. Dr. Hartmut Warkus von der Universität Leipzig und Prof. Dr. Roland Rosenstock von der Universität Greifwald. Beide kannten sich bereits länger durch ihre gemeinsame Arbeit in verschiedenen medienpädagogischen Gremien. Im Jahr 2010 fand eine von Prof. Dr. Roland Rosenstock beauftragte und von der ComputerSpielSchule Leipzig durchgeführte LehrerInnenfortbildung in Greifswald statt. Während dieser dreitägigen Veranstaltung wurde auch ein erstes Treffen mit Angelika Spiecker, der Leiterin der Stadtbibliothek Greifwald, organisiert. Zu diesem Vorgespräch waren zudem zwei Schulleiterinnen potentieller Kooperationsschulen sowie Ulf Dembski, Leiter des Dezernates für Jugend, Soziales, Bildung Kultur und öffentliche Ordnung der Universitäts- und Hansestadt Greifswald, eingeladen. Bei dem Treffen wurde der Plan gefasst, eine ComputerSpielSchule in der Greifswalder Stadtbibliothek zu gründen. Angelika Spiecker kannte die ComputerSpielSchule Leipzig und deren Initiator Prof. Dr. Hartmut Warkus bereits aus einem Artikel des Magazins der Deutschen Bahn. Da bereits Kontakt zu Prof. Dr. Roland Rosenstock bestand, gab es zwei wesentliche BefürworterInnen für den Aufbau einer ComputerSpielSchule in Greifswald. Angelika Spiecker sowie Prof. Dr. Roland Rosenstock sahen in dem generationsübergreifenden Ansatz einen Mehrwert für die Stadtbibliothek, die Stadt Greifswald sowie für die Medienbildung auf lokaler, regionaler und landesweiter Ebene und für die Zusammenarbeit mit den Leipziger PartnerInnen.

Die Stadtbibliothek als Standort

Das Vorhaben, die Bibliothek als Standort für eine ComputerSpielSchule zu nutzen, rief zunächst Bedenken hervor. So war beispielsweise nicht sicher, ob das Personal hinter der Idee steht und sie auch mitträgt. Diese Sorge konnten allerdings ausgeräumt werden, denn Prof. Rosenstock hatte bereits im Vorfeld der Gründung Fortbildungen für die MitarbeiterInnen der Stadtbibliothek angeboten und durchgeführt. Auch die Leiterin der Bibliothek stand dem Projekt offen gegenüber. In Vorbereitung auf die Gründung der ComputerSpielSchule Greifswald wurden im Rahmen eines Treffens allen MitarbeiterInnen der Stadtbibliothek das Konzept der ComputerSpielSchule Leipzig sowie deren Ziele vorgestellt. Zudem gab es erste Absprachen zu möglichen Aufgaben, die seitens der ComputerSpielSchule bei den MitarbeiterInnen der Bibliothek gesehen wurden. Sie sollten eine Schnittstelle zwischen der ComputerSpielSchule sowie den BesucherInnen und Interessierten sein und beispielsweise Informationen über das Projekt und die damit verbundenen Angebote bereitstellen. Zudem gab es erste Absprachen über Aufgabenteilungen und Sorgfaltspflicht gegenüber Raum und Technik. Das Resultat dieses Treffens zeigte sich in der konkreten Bereitschaft zur Zusammenarbeit, durch Vertrauen und Verständnis für das Anliegen. Durch eine gezielte Kommunikationsarbeit innerhalb der Einrichtung konnte erreicht werden, dass alle MitarbeiterInnen hinter dem Projekt und dessen medienpädagogischen Ziele standen und auch einen Mehrwert für die Stadtbibliothek erkannten.

KooperationspartnerInnen

Bei dem ersten Treffen aller Beteiligten im Jahr 2010 standen konkrete Umsetzungsideen für einen gelungenen Transfer zur Diskussion. Hierbei wurden Anforderungen an Personal, Finanzen, Technik und Räumlichkeiten genauso besprochen wie medienpädagogische Leitlinien und Angebote der ComputerSpielSchule. Im weiteren Verlauf des Jahres 2010 bemühten sich Prof. Rosenstock und Angelika Spiecker um KooperationspartnerInnen und Finanzierungsmöglichkeiten. Hierfür wurden besonders intensive Gespräche mit der Stadt Greifswald geführt. Auch hier fanden sich FürsprecherInnen und UnterstützerInnen, die weitere PartnerInnen und Kooperationsmöglichkeiten ins Gespräch brachten. Der Kontakt zu Schulen in der Region wurde ebenfalls frühzeitig gesucht, um mögliche Partnerschaften zu schließen. Parallel dazu fanden weitere Vorgespräche mit MitarbeiterInnen der ComputerSpielSchule Leipzig statt. Diese erwiesen sich als besonders wichtig, da es bereits Erfahrungen und Erkenntnisse gab, von denen die Greifswalder InitiatorInnen profitieren konnten - zum Beispiel in Bezug auf technische und räumliche Anforderungen für eine ComputerSpielSchule, aber auch bei der Suche nach KooperationspartnerInnen. Auch über mögliche Probleme und Schwierigkeiten konnten die LeipzigerInnen berichten, sodass die Greifswalder diesen bereits im Vorfeld begegnen konnten.

Als Bindeglied zwischen den beiden ComputerSpielSchulen diente die Medienpädagogin Anja Schweiger. Sie studierte in Leipzig und war von Beginn an Teil des Teams der ComputerSpielSchule Leipzig. Durch ihre Kompetenzen, besonders im Bereich der Lehrer- und Multiplikatoren- Fortbildung, und ihre langjährigen Erfahrungen bei der medienpädagogischen Arbeit in der ComputerSpielSchule Leipzig stellte sie für den Aufbau der ComputerSpielSchule Greifswald eine wichtige Stütze dar. Im Zuge des Aufbaus und der Etablierung der ComputerSpielSchule Greifswald ist Anja Schweiger nach Greifswald gezogen.

Im Verlauf des Jahres 2011 wurden die Kooperationsvereinbarungen geschlossen. KooperationspartnerInnen der ComputerSpielSchule Greifswald, waren zu Beginn ihrer Arbeit der Lehrstuhl für Religions- und Medienpädagogik der Universität Greifswald (Prof. Dr. Roland Rosenstock), die Evangelische Medienakademie der Nordkirche, die Stadt Greifswald sowie die ComputerSpielSchule Leipzig. Finanzielle Unterstützung erhielt das Projekt durch eine Förderung der Medienanstalt Mecklenburg-Vorpommern. Seitens der Stadt Greifswald wurden für das Projekt 15.000 € zur Verfügung gestellt, um die notwenige Technik anzuschaffen. Seit 2013 besteht eine zentrale Anbindung an das Kindermedienzentrum Greifswald e.V. – als Trägerverein der medienpädagogischen Projekte der ComputerSpielSchule Greifswald.

Finanzierung und Organisation der MitarbeiterInnen

Seit ihrer Eröffnung im Februar 2012 wurde ein Teil der notwendigen Finanzierung durch eine jährliche Projekt-Förderung der Medienanstalt Mecklenburg-Vorpommern abgedeckt. Im Laufe der Jahre konnte die ComputerSpielSchule zudem Geldeinnahmen verzeichnen, die sich aus der Durchführung von Fort- und Weiterbildungen sowie Schulprojekten ergaben. Insbesondere die ersten anderthalb Jahre dienten der Teambildung, der Entwicklung von Vertrauen in die MitarbeiterInnen, dem Aufbau öffentlicher Akzeptanz für das Projekt sowie der Anerkennung der qualitativ nachhaltigen medienpädagogischen Arbeit. Allerdings erweist sich auch hier die Tatsache als schwierig, dass die medienpädagogische Arbeit bis heute vor allem im Ehrenamt verrichtet wird. Das Projekt wird daher nach drei Jahren nur dann weitergeführt werden können, wenn aus den Einnahmen eine volle Leitungsstelle einer Medienpädagogin finanziert werden kann. Zum größten Teil bestehen die MitarbeiterInnen der ComputerSpielSchule Greifswald aus LehramtsstudentInnen der Philosophischen und der Theologischen Fakultät und nicht wie in Leipzig aus MedienpädagogInnen. Dies ist dem Umstand geschuldet, dass es an der Universität Greifswald keine vergleichbare Studienrichtung gibt. Die neuen MitarbeiterInnen wurden regelmäßig in medienpädagogischen Schulungen auf ihre künftige Arbeit vorbereitet. Die Durchführung der Schulungen übernahmen Prof. Dr. Roland Rosenstock und Anja Schweiger. Die computerspiel- und medienaffinen LehramtsstudentInnen setzten sich zunächst mit dem Konzept und den theoretischen Grundlagen der ComputerSpielSchule auseinander. Mediendidaktik, Medienerziehung, handlungsorientierte Medienpädagogik, Mediennutzerethik und Medienkompetenz sind einige Schlagworte, die die künftigen MitarbeiterInnen kennen mussten, um am Projekt mitarbeiten zu können, und um im Kontext dessen neue Ideen und Konzepte zu entwickeln. Theoretische Auseinandersetzungen mit aktuellen Entwicklungen fanden und finden kontinuierlich statt, beispielsweise bei den regelmäßigen Teambesprechungen. Nach einer einführenden Schulung wurde bei den potenziellen MitarbeiterInnen eruiert, in welchen Bereichen Kompetenzen liegen, um danach Arbeitsbereiche (z.B. Lehrerfortbildungen, Schülerworkshops, Spielbetreuung, Technikwartung) aufzuteilen. So fanden sich für einige der MitarbeiterInnen feste Kompetenzbereiche, für den sie zuständig sind und als AnsprechpartnerInnen fungieren. Jedoch arbeiten die MitarbeiterInnen kompetenzübergreifend, was der Dynamik der Konzeptidee sowie der personellen Verfügbarkeit geschuldet ist. Diese Aufteilung dient einer besseren Strukturierung der Aufgabenbereiche und fördert eine schnelle und effektive Arbeit. Zudem übernehmen auf diese Weise alle MitarbeiterInnen Verantwortung und stellen einen wichtigen Teil des Projekts dar. Bedingt durch universitäre Strukturen und studentische Verpflichtungen (Semesterverlauf, Prüfungen, Abschlussarbeiten etc.) ergaben sich ständig Änderungen, beispielsweise eine schwankende MitarbeiterInnenzahl. So kann etwa die ComputerSpielSchule Greifswald mittlerweile anerkannte Sozialpraktika anbieten und auf diese Weise jedes Semester neue Interessierte akquirieren. Für die StudentInnen selbst stellte dies eine Möglichkeit dar, praktische Erfahrungen in der pädagogischen Arbeit zu sammeln. Obwohl die Universität potenziell einen großen Pool an motivierten und interessierten MitarbeiterInnen zur Verfügung stellt, müssen eine hohe Fluktuationsrate und somit Maßnahmen für die regelmäßige Integration neuer Mitarbeitender in das bestehende Team mitbedacht werden. Interessierte Studierende haben zudem die Möglichkeit eigene Forschungsprojekte zu verfolgen. Im Rahmen der Lehrstuhlarbeit wird ein eigenes Doktorandenkolleg aufgebaut.

Aufbau, Pflege und Nutzen des Netzwerkes

Um auch die MitarbeiterInnen der Bibliothek auf dem aktuellen Stand zu halten und sie über die Vorgänge der ComputerSpielSchule zu informieren, finden regelmäßige Treffen statt. Da die BibliotheksmitarbeiterInnen als wichtige MultiplikatorInnen angesehen werden, ist es wichtig, diesen Kontakt zu pflegen. Neben organisatorischen Absprachen dienen die Treffen auch als Plattform für einen theoretischen Input über aktuelle Entwicklungen in der Medienpädagogik. So können BibliotheksmitarbeiterInnen Fragen von BesucherInnen zum Medienhandeln von Kindern und Jugendlichen gezielt beantworten. Außerdem finden viele Veranstaltungen der ComputerSpielSchule außerhalb der Bibliothek im gesamten Land Mecklenburg-Vorpommern statt, über die im Rahmen dieser Treffen berichtet wird. Als Flächenland mit einer überschaubaren Anzahl von Einrichtungen und Medienbildungs-Angeboten bietet Mecklenburg-Vorpommern gute Voraussetzungen für Kooperationen und fruchtbare Kontakte. Im Laufe der Zeit ergab sich somit eine Netzwerkarbeit mit unterschiedlichen PartnerInnen. Neben den Gründungs-KooperationspartnerInnen arbeitet die ComputerSpielSchule Greifswald nunmehr in unterschiedlichen Kontexten mit der Medienanstalt Mecklenburg-Vorpommern, den Offenen Kanälen der Medienanstalt Mecklenburg-Vorpommern, dem Landesbeauftragten für Datenschutz und Informationsfreiheit Mecklenburg-Vorpommern, dem Landeskriminalamt Mecklenburg-Vorpommern (Abteilung Prävention) oder auch der Landeskoordinierungsstelle für Suchtvorbeugung Mecklenburg-Vorpommern zusammen. Die Kooperationen entstanden unter anderem durch gemeinsame Veranstaltungen, wie die Medienscout-Mecklenburg-Vorpommern-Ausbildung, Bildungsabende, Themenworkshops, Tagungen sowie Fort- und Weiterbildungen. Die Zusammenarbeit soll weiterhin gefestigt und ausgebaut werden, um einen effektiven und flächendeckenden landesweiten Beitrag zur Medienbildung leisten zu können.

Eine medienpädagogische Zusammenarbeit der Akteure im Bundesland, die gegenseitige Unterstützung, der Austausch und die Vermittlung von Erfahrungen ermöglichen eine effektive Öffentlichkeitsarbeit und damit eine verbesserte Erreichbarkeit der Zielgruppen. Veranstaltungen wurden genutzt, um die Projektidee und die Angebote der ComputerSpielSchule vorzustellen. So konnte sich die ComputerSpielSchule Greifswald in kurzer Zeit in der medienpädagogischen Landschaft Mecklenburg-Vorpommerns etablieren. Auf lokaler Ebene dient die Stadtbibliothek als wichtiger niederschwelliger Multiplikator für die Öffentlichkeitsarbeit sowie die Herstellung von Kontakten zu Schulen. Die ComputerSpielSchule Greifswald zog von Beginn an Vorteile aus der bewährten Zusammenarbeit der Stadtbibliothek mit Greifswalder Schulen. Über einen KontaktlehrerInnen-Verteiler der Bibliothek können Schulen direkt erreicht werden, Veranstaltungen beworben und ProjekteilnehmerInnen akquiriert werden. Außerdem stellen die MitarbeiterInnen der Stadtbibliothek im Rahmen eigener Veranstaltungen regelmäßig das Angebot der ComputerSpielSchule Greifswald vor.

Der Standort „Bibliothek“ als besondere Stärke

Als bundesweites Modellprojekt wurde der Computerspielschule Greifswald 2012 der Preis "Zukunftsgestalter in Bibliotheken“ verliehen. Der Besuch des Bundespräsidenten im Frühjahr 2013 war eine weitere Auszeichnung für das Greifswalder Kooperationsprojekt. Als wichtigster Unterschied zur ComputerSpielSchule Leipzig ist daher der Standort noch einmal hervorzuheben. Die ComputerSpielSchule Greifswald befindet sich in der Stadtbibliothek und nutzt dort einen Mehrzweckraum als Örtlichkeit. Der Standort Bibliothek als vertrauensvolle öffentliche Institution bringt einige Vorteile mit sich. Es besteht somit für die ComputerSpielSchule Greifswald ein generationsübergreifender und heterogener Zulauf an Menschen durch die Anbindung an die Bibliothek, die sich potenziell interessiert zeigen, aber keine genaue Vorstellung von der einer ComputerSpielSchule haben. Auch wenn die ComputerSpielSchule Greifswald nicht geöffnet ist, sind alle MitarbeiterInnen der Bibliothek informiert und können den Kontakt halten bzw. aufbauen sowie Fragen beantworten. Zudem dienen die MitarbeiterInnen als MultiplikatorInnen. Sie kennen das Projekt und haben Einblicke in die medienpädagogische Arbeit der ComputerSpielSchule. So können Sie qualifiziert über das Angebot informieren und beraten. Zudem profitiert die ComputerSpielSchule Greifswald von den Strukturen der Stadtbibliothek - so zahlt die ComputerSpielSchule Greifswald keine Miete und kann den Hausmeisterservice der Bibliothek nutzen. Der einzige Nachteil liegt in der Raumverteilung. Zur Zeit nutzt die ComputerSpielSchule Greifswald einen Multifunktionsraum in der Bibliothek. Das heißt, dass die Spieleinseln und Stationen immer wieder auf- und abgebaut werden müssen. Ein zweiter bzw. dritter Raum wäre günstiger und durch die hohe Nachfrage auch notwendig. Beispielsweise könnten die Räume genutzt werden, um aus jugendschutzbedingten Gründen SpielerInnen trennen zu können - so würde man vielleicht auch SpielerInnen erreichen, die Spiele mit höheren USK-Einstufungen spielen möchten. Bislang ist dies zu den Öffnungszeiten nicht möglich.

Die ComputerSpielSchulen Leipzig und Greifswald

Beim Aufbau der Computerspielschule Greifswald wurde darauf geachtet, dass die Maßstäbe und medienpädagogischen Anforderungen der ComputerSpielSchule Leipzig aufgegriffen werden. Die Kooperation und der stetige Austausch mit der ComputerSpielSchule Leipzig drückt sich auch durch das gemeinsame Corporate Design aus. Häufigere persönliche Treffen zwischen den Teammitgliedern der beiden ComputerSpielSchulen wären wünschenswert, sind auf Grund der Entfernung und Finanzierungsproblemen beider Einrichtungen allerdings nur zu besonderen Anlässen umsetzbar.