4.2 Beratung

Autorin: Caroline Baetge

Computerspiele verbieten?

Nicht nur für Heranwachsende stellt das Computerspielen eine beliebte Freizeitbeschäftigung dar. Die Forderung – oftmals von besorgten Eltern, aber auch von PädagogInnen und gesellschaftlichen Akteuren gestellt – die Dauer des täglichen Spielens zu minimieren oder gar zu verbieten, geht letztlich an der Lebenswelt der Heranwachsenden vorbei. Zudem ist diese Forderung nicht sinnvoll, da das Spielen im Allgemeinen wie auch das Computerspielen im Speziellen Positives mit sich bringen kann, zum Beispiel bezogen auf das Lernen. Außerdem ist es auch für Kinder und Jugendliche nicht zielführend, ihnen beliebte Tätigkeiten zu verbieten, da sie letztlich immer Wege und Strategien suchen und finden werden, diese Verbote zu umgehen. Vielleicht erscheint das Verbotene dadurch sogar umso attraktiver und reizvoller. Sich gegen die elterliche Autorität zu wehren und dieser eigenes, oftmals konträres Handeln entgegenzusetzen, gehört als Entwicklungsaufgabe zum Erwachsenwerden dazu.

Wozu pädagogische Unterstützung?

Es ist also weder möglich noch sinnvoll, Heranwachsenden das Computerspielen zu verbieten. Deshalb ist eine pädagogische Unterstützung umso wichtiger, da medienpädagogisch geschulte ExpertInnen das notwendige (mediale) Hintergrundwissen besitzen, aber auch über didaktisches Knowhow verfügen, Heranwachsende zu unterstützen. Die Zielstellung besteht also nicht im Verbieten oder Regulieren, sondern vielmehr im Begleiten und Beraten. Dass Jugendliche Computerspiele spielen, lässt sich nicht ändern, wohl aber lässt sich das Wie unterstützend anregen. Im Sinne eines handlungsorientierten medienpädagogischen Verständnisses sollten die SpielerInnen dazu angeregt werden, ihr Handeln kritisch zu hinterfragen. Denn das Kennen der medialen Strukturen und Verflechtungen sowie der Interessen von AnbieterInnen und HerstellerInnen führt zu einem Orientierungswissen, das hilfreich ist, anhand eigener Reflexions- und Denkprozesse das Handeln auszurichten. Medienpädagogische Bemühungen sollten also nicht darauf abzielen, bestimmte Denk- und Sichtweisen sowie Handlungen vorwegzunehmen oder vorzuschreiben, sondern die Menschen insgesamt dazu zu befähigen, selbstständig und selbstbestimmt Entscheidungen zu treffen. MedienpädagogInnen haben also die Aufgabe, die Autonomie und Handlungsfähigkeit der MediennutzerInnen zu stärken.

Wozu Beratung?

Um die BesucherInnen der ComputerSpielSchule zu einem reflektierten Medienhandeln anzuregen, ist es wichtig, mit diesen vor Ort ins Gespräch zu kommen. Zum Beispiel können die PädagoInnen die Möglichkeit ergreifen, gemeinsam mit den BesucherInnen zu spielen und auch deren Medienumgang außerhalb der ComputerSpielSchule zu thematisieren und zu reflektieren. Auch können die Perspektiven von Eltern und Kindern erfragt werden, um Gemeinsamkeiten zu entdecken und das gegenseitige Verständnis anzuregen. Um das eigene (Medien-)Handeln kritisch zu hinterfragen, ist es generell sinnvoll, andere Perspektiven und Meinungen bzgl. der Bedeutung von Medien kennenzulernen. Dafür sind Gespräche mit anderen hilfreich. Dies können Diskurse mit Gleichaltrigen, aber auch Eltern und anderen Bezugspersonen sein. Auch die mediale Berichterstattung ist ein Orientierungsangebot. Eine spezifische Form der externen Perspektivvermittlung ist die Beratung durch medienpädagogische ExpertInnen. Diese ist notwendig und sinnvoll, weil diese ExpertInnen explizit für diese Aufgabe geschult sind. Ein/e gute/r MedienpädagogIn sollte sowohl über mediale Inhalte, Strukturen und Angebote eingehend informiert sein, als auch didaktische Kompetenzen mitbringen, um zielgruppengerecht unterstützen zu können. Wichtig hierbei ist auch, einen sinnvollen Mittelweg zu finden zwischen bewahrpädagogischen und handlungsorientierten Bemühungen. Einerseits sollten Heranwachsende über Gefahren und Problemlagen informiert werden, die ihnen beim Medienumgang begegnen können. Bestenfalls sollten diese Richtlinien auch erläutert werden, damit Heranwachsende nachvollziehen können, weshalb Verbote und Regeln in bestimmten Bereichen sinnvoll sein können. Dies gilt auch für den elterlichen Umgang mit Regeln, in der ComputerSpielSchule jedoch besonders. So sollte man Kindern und Jugendlichen zum Beispiel erläutern, weshalb es Altersfreigaben für Medienangebote gibt und warum es ratsam sein kann, zeitliche Grenzen für das Computerspielen gemeinsam festzulegen. Andererseits sollte genügend Freiraum und Handlungsspielraum geschaffen werden, damit Heranwachsende sich austesten und authentische Erfahrungen sammeln können. Aufgestellte Regeln für den Medienumgang bieten Heranwachsenden dabei eine Grundlage, das eigene Medienhandeln danach auszurichten und den Raum, der ihnen gegeben wird, selbstständig auszufüllen. Die MedienpädagogInnen in der ComputerSpielSchule sind ebenso AnsprechpartnerInnen für Fragen oder Probleme, die im Umgang mit Medien auftreten können. Mit den Heranwachsenden, mit den Eltern oder beiden Zielgruppen zusammen können Ursachen und Lösungswege gefunden und diskutiert werden. Insgesamt gilt es, einen guten Mittelweg zu finden zwischen Aufklärung und Anleitung. Dabei sollten PädagogInnen sowohl die Interessen der Heranwachsenden, aber auch der Eltern und anderer Bezugspersonen beachten und in das pädagogische Handeln einbeziehen. Die ComputerSpielSchule bietet dabei einen Raum für die gemeinsame Begegnung, den Austausch und die pädagogische Unterstützung. Hier kann dauerhaft zu diesem Themenfeld beraten werden, damit das Erarbeitete auch langfristig verankert werden kann. Die ComputerSpielSchule ist dabei gleichermaßen Begegnungsraum und Lernort; die MitarbeiterInnen stehen bei Fragen jeder Zeit als AnsprechpartnerInnen zur Verfügung. Die festen Öffnungszeiten stellen dabei ein bewährtes Mittel dar, diesen Dialograum zu schaffen.

Elternprivileg

Bei der Arbeit insbesondere mit Eltern gilt es für die MitarbeiterInnen der ComputerSpielSchule, sich der Rolle des Staates, aber auch der der Eltern stets bewusst zu sein. Das Wissen über das sensible Gleichgewicht zwischen staatlicher und elterlicher Pflichten ist relevant für eine fundierte, sachliche und kompetente Beratung. Jede/r MitarbeiterIn sollte über dieses Hintergrundwissen verfügen, besonders bzgl. des deutschen gesetzlich verankerten Elternprivilegs. Denn auch wenn die Beratung durch geschulte MedienpädagogInnen sinnvoll ist, gilt es einige Richtlinien zu beachten. In Deutschland besitzen Eltern besondere und bevorzugte Rechte bzgl. der Erziehung ihrer Kinder. Ein Maß an Sensibilität bei der Zusammenarbeit mit Eltern und Heranwachsenden sollten PädagogInnen also in jedem Fall berücksichtigen. Dafür ist es notwendig, über ein bestimmtes Hintergrundwissen bzgl. des gesetzlichen Elternprivileges zu verfügen. Wichtig bei der Kommunikation mit Eltern, aber auch Kindern und PublisherInnen ist es also, die rechtlichen Rahmenbedingungen im Hinterkopf zu haben und bei Bedarf zielgruppengerecht kommunizieren zu können. Das deutsche Grundgesetz sagt aus, dass es ein sogenanntes „Elterprivileg“ gibt, das heißt, dass Eltern selbst entscheiden können, wie sie ihr Kind erziehen möchten und wie es aufwachsen soll. Sie haben laut Gesetzestext das Recht, aber auch die Pflicht, ihr Kind zu erziehen. In Artikel 6, Absatz 2 heißt es konkret: „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht“. Dieses Elternprivileg wird allerdings eingeschränkt, denn im selben Abschnitt heißt es auch: „Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft“. Das bedeutet, dass der Staat eine besondere Verantwortung mittels einer Beobachterrolle übernimmt. Er darf in gewisser Weise überprüfen, ob die Eltern ihrer Erziehungspflicht nachkommen. Wichtig hierbei ist, dass das nicht als Kontrolle von Seiten des Staates aufgrund einer angenommen Vernachlässigung der Eltern zu verstehen ist. Hieran zeigt sich viel eher ein Minderheitenschutz, denn der Staat geht grundsätzlich zwar davon aus, dass alle Eltern für ihre Kinder sorgen, dies jedoch nicht alle Eltern können; im Einzelfall vielleicht auch nicht wollen. Dies kann aus unterschiedlichen Gründen vorkommen: zum Beispiel wegen Krankheit oder Süchten oder schlichtweg zu wenig Zeit, um den Nachwuchs ständig beobachten zu können. Deswegen hat der Staat in gewisser Weise bestimmte Vorsichtsmaßnahmen getroffen, um Kinder zusätzlich zu schützen und vor Gefahren zu bewahren.

Elternprivileg vs. Staat

Das in Artikel 6 festgeschriebene Elternrecht oder Elternprivileg wird allerdings durch zwei Aspekte direkt eingeschränkt: die Schulpflicht und den Jugendschutz. In Artikel 5 wird allen deutschen BundesbürgerInnen zwar Meinungs- und Informationsfreiheit gewährt (Link: http://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_5.html), aber in Absatz 2 wird dieser sehr hohe Stellenwert der persönlichen Meinungsfreiheit eingeschränkt: „Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre“. Der Jugendschutz wird hier als Gesetz genannt, das noch über dem Gut der Meinungsfreiheit steht und diese deshalb einschränken kann. Eine andere Bestimmung, die auch das Elternprivileg einschränkt, ist die Schulpflicht. In Deutschland muss jedes Kind zur Schule gehen – welche Schulform, wird nach „Leistung“ bzw. Eignung festgelegt, aber an der Tatsache, dass ihr Kind die Schule besuchen muss, können Eltern trotz ihrer Erziehungsvorrechtes nichts ändern. In anderen Ländern können Eltern jedoch entscheiden, ihre Kinder selbst zu unterrichten. Dies ist zum Beispiel in den USA der Fall. Die Idee hinter der Schulpflicht ist, dass alle Kinder dieselben Chancen auf Bildung zugesprochen bekommen sollen, da Bildung als essentielles Gut und als Voraussetzung gesehen wird, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und bspw. für verschiedene Arbeitsmöglichkeiten ausgebildet zu sein. Dass nicht alle Eltern ihre Kinder auf jeglichen relevanten Gebieten, die in der Schule als Fach angeboten werden, unterrichten können, kommt hinzu.

Jugend(medien)schutz

Die zweite Einschränkung des Elternprivileges besteht im Jugendschutz. Dieser regelt zum Beispiel, bis zu welcher Uhrzeit Heranwachsende allein unterwegs sein dürfen (16-Jährige zum Beispiel bis 22 Uhr) oder bis zu welchem Alter sie keinen Alkohol oder Zigaretten kaufen dürfen. Ein Teil des Jugendschutzes ist der Jugendmedienschutz. Dieser regelt unter anderem den Zugang zu Medieninhalten. Der Staat vergibt jedoch nicht direkt Alterskennzeichnungen für bestimmte Medien, sondern hat die Verantwortung dafür auf die AnbieterInnen selbst übertragen. Nach den Erfahrungen des Ersten, besonders aber des Zweiten Weltkrieges ist die Hoheit des Staates generell in vielen Aspekten eingeschränkt worden, um eine (erneute) zu hohe Willkür und staatliche (Handlungs-)Macht zu verhindern. Deswegen dürfen AnbieterInnen selbst Altersfreigaben vergeben, man nennt dies regulierte Selbstregulierung. Dabei gibt es eine Einschränkung, die die ProduzentInnen von Filmen indirekt dazu zwingt, ihre Angebote der FSK vorzulegen: Alle Filme die produziert werden und in Deutschland veröffentlicht werden sollen, sind pauschal erst ab 18 Jahren freigegeben. Da die ProduzentInnen nicht wollen, dass die Zielgruppe des Films von Vornherein so eingeschränkt wird (besonders Minderjährige sind eine für die Wirtschaft enorm wichtige Zielgruppe, die über eine immense Kaufkraft verfügt bzw. einen entscheidenden Einfluss auf die kaufkräftigen Eltern ausübt), legen sie ihre Produkte den Freiwilligen Selbstkontrollen vor (z.B. FSK; USK) die daraufhin andere Altersfreigaben vergeben können, zum Beispiel ab 16, ab 12, ab 6, ohne Altersfreigabe (ab 18) oder ohne Altersbeschränkung (ab 0). Bei der Altersfreigabe FSK 12 (Filme, die ab 12 Jahren freigegeben sind) gibt es aber eine Regelung, die das Elternprivileg erneut stärkt: Kinder unter 12 Jahren (konkret ab 6 Jahren) dürfen in Begleitung eines Erziehungsberechtigten auch Filme im Kino ansehen, die erst ab 12 Jahren freigegeben sind. Man nennt diese Regelung parental guidance (festgelegt im § 11 Abs. 2 JuSchG). Dieses Recht steht grundsätzlich den Eltern zu. Eine erziehungsbeauftragte Person, die von den Eltern (= „Personensorgeberechtigte“) autorisiert wird, die Kinder statt ihrer zu begleiten, reicht also nicht aus.

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Quellen: